Das bisherige Straßenverkehrsrecht verhindert das Wachstum des Rad- und Fußverkehrs und anderer Formen der neuen, klimafreundlichen Mobilität

Thomas Semmelmann Interview mit Thomas Semmelmann, Landesvorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Nordrhein-Westfalen (ADFC NRW www.adfc-nrw.de)

Herr Semmelmann, würden Sie in wenigen Sätzen erklären, was der ADFC ist und welche Aufgaben er hat?

Semmelmann: Die meisten kennen uns als starke Lobby für das Rad und die Verkehrswende. Mit über 42.000 Mitgliedern ist der ADFC NRW der größte Landesverband des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs. In 38 Kreisverbänden und 100 Ortsgruppen sind wir vor Ort aktiv. Wir setzen uns für eine umweltfreundliche Verkehrspolitik ein, fahren in der Freizeit gemeinsam Touren – es gibt über 4.000 geführte Radtouren in der ADFC NRW Tourendatenbank – und beraten in allen Fragen rund um das Fahrrad. Als Landesverband arbeiten wir auch an Projekten für das Land NRW, Städte und Gemeinden sowie für die Tourismusverbände in NRW. Als Service bieten wir mit Bett+Bike allen Radreisenden ein Übernachtungsportal an, das zertifizierte Unterkünfte anbietet, die auf die Bedürfnisse von Radfahrerinnen und Radfahrern eingehen.

Was verbirgt sich hinter der Volksinitiative „Aufbruch Fahrrad“?

Semmelmann: Aktuell gibt es in Deutschland viele Radentscheide und Initiativen. Dazu gehört auch unsere Volksinitiative „Aufbruch Fahrrad“, die wir als ADFC NRW gemeinsam mit der Kölner Organisation RADKOMM auf den Weg gebracht haben. Nach dem ersten Aufschlag hat sich ein breites Aktionsbündnis gebildet, zu dem heute 215 weitere Unterstützer aus den Bereichen Umwelt und Verkehr gehören. Gemeinsam fordern wir den Aufbruch in ein modernes und bewegliches Nordrhein-Westfalen, bei dem der landesweite Radverkehrsanteil bis zum Jahr 2025 von 8 Prozent auf 25 Prozent ansteigt. Wir sind überzeugt mit einer Volksinitiative, dem Instrument der direkten Demokratie, schaffen wir es, dass sich der Landtag mit unseren Forderungen, die im Internet unter www.aufbruch-fahrrad.de ausführlich beschrieben werden, ernsthaft befassen muss. Ziel ist ein Fahrradgesetz für Nordrhein-Westfalen und damit bessere Bedingungen für den Radverkehr. Am ersten Juniwochenende feiern wir bei der großen NRW Sternfahrt in Düsseldorf den Erfolg der Volksinitiative „Aufbruch Fahrrad“, denn die nötige Unterschriftenzahl von 66.000 haben wir längst erreicht.

Das Fahrrad als Verkehrsmittel erlebt derzeit einen Boom. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe dafür?

Semmelmann: Umfragen zeigen, dass 70 Prozent der deutschen Radfahrerinnen und Radfahrer aufs Fahrrad steigen, weil es ihnen Spaß macht. Der „Boom“ des Fahrrads war für uns ADFC‘ler ja schon immer da – aber durch die technischen Entwicklungen vor allem im E-Bike-Bereich kommt eine neue Dimension dazu. Räder mit E-Unterstützung helfen Berge zu überwinden, konstante Geschwindigkeiten zu fahren und auch älteren Menschen lange mobil zu bleiben. Mittlerweile geht der Trend deutlich zum Zweit- oder sogar Dritt-Fahrrad, je nachdem auf welchem Terrain man unterwegs ist oder was man transportieren muss. Wir freuen uns, dass die Begeisterung fürs Fahrrad noch mehr Menschen angesteckt hat und für die kurzen und mittleren Strecken eine echte Alternative ist.

Radfahren gerade in Städten ist nicht ungefährlich. Was sollten Städte bzw. die Politik tun, um das Radfahren sicherer, angenehmer und damit mittelfristig attraktiver zu machen?

Semmelmann: Unser Stichwort heißt „Protected Bike Lanes“ – geschützte Radwege. Mich ärgern Autofahrer, die gedankenlos die Radwege zuparken, was oft zu gefährlichen Situationen führt. Anderes Thema ist der fehlende Abstand beim Überholen. Ganz wichtig ist, dass für Autofahrer endlich ein verpflichtender Abstand von 1,5 Meter beim Überholen von Radfahrerinnen und Radfahrern in der Straßenverkehrsordnung festgeschrieben wird. Das fehlt bislang. Außerdem brauchen wir ein sicheres Kreuzungsdesign, bei dem Radfahrer nicht mehr auf der Straße eingeklemmt zwischen den Autos stehen, sondern in eigenen drei bis vier Meter breiten Spuren sicher und schnell geleitet werden. Dafür müssen wir den Platz auf der Straße neu aufteilen.

Was sind für Sie „Leuchttürme“ bzw. Best Cases von Projekten oder Aktionen in deutschen oder europäischen Städten?

Semmelmann: Unter dem Arbeitstitel „Skyride“ hat der ADFC Köln zuletzt einen tollen Vorstoß gewagt mit dem Entwurf eines Zweirichtungsradwegs, der das Kölner Rheinufer in Hochlage von südlich der Deutzer bis nördlich der Hohenzollernbrücke überspannt. So ein Leuchtturmprojekt fehlt bislang. Was in den Niederlanden selbstverständlich ist, muss in Deutschland noch reifen. Auch mit Blick auf die Weiterentwicklung von Bahnhöfen zu Mobilstationen, in denen die Alternativen zum Privatauto – also Bahn, Carsharing und öffentliche Leihräder – eng miteinander verzahnt sind. Das neu errichtete Fahrradparkhaus in Utrecht beispielsweise bietet über 12.000 Stellplätze, eine große Leihrad-Flotte und einen Komfort, den man in Deutschland vergeblich sucht. Unser größtes Fahrradparkhaus steht in Münster, umfasst rund 3.000 Plätze – und platzt aus allen Nähten.

Immer mehr Radfahrer sind auf E-Bikes unterwegs. Sehen Sie das nur positiv oder gibt es dabei auch kritische Aspekte?

Semmelmann: Das fallen mir viele positive Aspekte ein: Strecken, die bislang als zu lang oder anstrengend erschienen, lassen sich mit dem Elektrofahrrad prima bewältigen. Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen können mit Motorunterstützung wieder auf Tour gehen. Und auf dem Weg zum Arbeits-Termin kann man entspannt am Stau vorbeifahren und kommt an, ohne verschwitzt zu sein. Das ist natürlich toll. Aber Elektrofahrräder sind auch komplizierter als normale Fahrräder. Deshalb sagen wir immer, dass man sich das Rad vom Händler genau erklären lassen soll – längerer Bremsweg, anderes Handling. Das Rad muss passen. Wer nach der ersten Fahrt merkt, dass er noch unsicher ist, der kann einen unserer E-Bike Kurse beim ADFC vor Ort buchen. Die sind gerade tatsächlich sehr gefragt.
Darüber hinaus ärgert mich persönlich, dass bei den meisten Pedelec-Herstellern kaputte Einzelteile nicht ausgetauscht werden können, sondern es gleich ganze Komponenten sein müssen. Das macht die Sache schnell teuer.

Was hat sich aus rechtlicher Sicht in den letzten 25 Jahren für Radfahrer geändert?

Semmelmann: Das bisherige Straßenverkehrsrecht verhindert das Wachstum des Rad- und Fußverkehrs und anderer Formen der neuen, klimafreundlichen Mobilität. Der ADFC hat kürzlich darauf reagiert und einen Gesetzentwurf zur fahrradfreundlichen Reform des Straßenverkehrsgesetzes (StVG) und der Straßenverkehrs-Ordnung (StVO) vorgelegt. Dabei gilt die „Vision Zero“, also null Verkehrstote, als oberste Zielsetzung: Das Verkehrssystem muss menschliche Fehler ausgleichen – und die ungeschützten Verkehrsteilnehmer, also Menschen, die zu Fuß gehen, Rad oder Roller fahren, aktiv schützen. Außerdem fordern wir die Gleichstellung aller Verkehrsarten: Bisher hatte der Autoverkehr oberste Priorität, künftig sollen Bus, Bahn und Rad- und Fußverkehr besonders berücksichtigt werden. Änderungen sind also dringend nötig.

Welche Rolle wird das Fahrrad verkehrspolitisch in fünf bis zehn Jahren spielen?

Semmelmann: Kopenhagen gilt unter vielen (Rad-)Verkehrsplanern und Radfahrenden als eine Stadt mit Vorreiterrolle und „Fahrrad-Paradies“. Immer wieder liest man von der Neueröffnung neuer Radwege und beeindruckender Brücken für Radfahrer. Kopenhagens Philosophie ist: Bietet man eine gute Infrastruktur an, werden die Leute sie auch benutzen. Das wünsche ich mir für unsere Städte auch. Wenn wir das schaffen, wird das Fahrrad dazu beitragen, unsere Städte zu lebenswerteren Orten zu machen und ist mit Sicherheit ein Teil der Lösung unserer Klimaprobleme.

Vielen Dank für Ihre Zeit und die spannenden Antworten!

Christian

Christian fährt Fahrrad seit er denken kann. Nach dem ersten Kinderfahrrad mussten seine Eltern ihm ein Bonanza Fahrrad schenken. Im jugendlichen Alter machte er mit seinem BMX die Wälder unsicher. Heutzutage fährt er am liebsten Mountainbike, egal ob über die Alpen oder durch die Stadt – für Christian funktioniert ein MTB überall und immer. Er arbeitet daher voller Überzeugung im Onlinemarketing für Lucky Bike. Hier findest du alle Beiträge von Christian.

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