FRAU TIEMANN, WIE IST IHRE MEINUNG ZUR VERKEHRSWENDE?

Verkehrswende in Deutschland: Interview mit Marion Tiemann von Greenpeace

Für unsere Interviewreihe zum Thema Verkehrswende haben wir mit vielen Experten aus den Bereichen Politik, Wissenschaft und Gesellschaft gesprochen. In diesem Interview haben wir mit Marion Tiemann gesprochen. Sie ist Kampaignerin für Verkehr und Klima bei den Klima- und Umweltschützern Greenpeace.

Frau Tiemann, was sind aus Ihrer Sicht die Hindernisse, eine nachhaltige Verkehrswende herbeizuführen?

Bei meinem Engagement für die Verkehrswende begegnen mir immer wieder zwei Hürden: Fehlender politischer Wille die Klimakrise endlich ernst zu nehmen sowie Konzerne mit kurzfristigen Profitinteressen und einer einflussreichen Stimme in Berlin. Beides bedingt sich gegenseitig, weil sich Politik und ein Teil der Industrie beim Thema Verkehr immer noch viel zu nahe sind: Einerseits beeinflusst die Autolobby maßgeblich Gesetze auf europäischer und nationaler Ebene, andererseits gibt es immer noch zu viele Politiker:innen, die sich stärker für die Interessen dieser Lobby statt für die Zukunft einsetzen. Und natürlich geht es bei der Verkehrswende nicht nur um den Umstieg auf Elektromobilität, sondern um Verhaltensänderung von uns allen, um vom Auto auf nachhaltige Verkehrsmittel umzusteigen. Denn für mehr Klimaschutz und Lebensqualität braucht es vor allem weniger Autos. Durch Covid19 sind zwar viele aufs Fahrrad gestiegen, gleichzeitig wird aber auch das eigene Auto aus Sorge vor Ansteckung in Bus und Bahn bevorzugt. Das ist eine große Herausforderung für die Verkehrswende.

Der Anteil des Fahrrads am Verkehrsaufkommen in Deutschland soll steigen. Zurzeit werden in Deutschland rund 11 Prozent aller Wege mit dem Fahrrad erledigt. Länder wie Dänemark (18 Prozent) und die Niederlande (27 Prozent) zeigen, dass hier noch Potenzial nach oben besteht. Welche konkreten Handlungsempfehlungen erachten Sie als sinnvoll?

Im letzten Jahr konnten wir alle erleben was für ein riesiges Potenzial im Radverkehr für die Verkehrswende schlummert. Um auch langfristig mehr Menschen zum Radfahren zu bewegen muss der Platz auf unseren Straßen neu verteilt werden. Denn sicheres Radfahren für alle ist nur dort möglich, wo es ein Netz von breiten, vor dem Autoverkehr geschützten Radwegen und sicheren Kreuzungen gibt. Für den benötigten massiven Ausbau der Radinfrastruktur braucht es Geld und Personal, aber vor allem den politischen Willen dem Auto Platz wegzunehmen, zum Beispiel um Parkstreifen und Autospuren in sichere Radwege umzuwandeln.

Zusätzlich braucht es einen neuen rechtlichen Rahmen mit besseren Regeln für den Straßenverkehr. Die Straßenverkehrsordnung (StVO) wurde und wird zwar gerade überarbeitet, sie ist aber immer noch weit davon entfernt endlich den Menschen mit seinen Mobilitätsbedürfnissen, statt das Auto ins Zentrum der Verkehrspolitik zu stellen. Auch sollte nicht nur auf dem Papier, sondern auch auf der Straße die Vision Zero gelten. Diese beschreibt das Ziel, dass niemand im Straßenverkehr getötet oder schwer verletzt wird. 2019 wurden bundesweit 445 Radfahrende getötet. Ihr häufigster Unfallgegner: Pkw. Wer die Anzahl von Autos reduziert, macht die Straßen für alle sicherer. Das geht beispielsweise mit autofreien Kiezen, weniger Parkplätzen und höheren Parkgebühren. Weil die Geschwindigkeit bei einem Zusammenstoß maßgeblich für dessen Folgen ist, sollte zusätzlich eine Höchstgeschwindigkeit von innerorts 30 km/h und außerorts von 80 km/h gelten.          

Gibt es in Bezug auf das Fahrrad schon Ansätze oder Beispiele in Deutschland, die Sie als besonders zielführend bezeichnen würden?

Einzelne Städte haben bereits geschützte Radwege, sogenannte Protected Bikelanes, eingerichtet. Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, es braucht aber in allen Städten ein Netz von geschützten Radwegen und Kreuzungen. Was ich an Berlin auch sehr interessant finde sind nicht nur die permanent geschützten Radwege. Die Stadt hat letztes Jahr auch sehr schnell auf Covid19 und die neuen Bedürfnisse der Berliner:innen reagiert, indem sie fast über Nacht zusätzlich auch temporär eingerichtete Radwege auf Autospuren und Parkstreifen eingerichtet haben. Das zeigt: Wenn man will, kann vieles auch ganz schnell gehen und es braucht nicht viel Geld, um anzufangen. Dieses schnelle Tempo von der Entscheidung bis zur Umsetzung auf der Straße sollte Standard für die Verkehrsplanung von Radwegen in ganz Deutschland werden.

Welches Fahrrad fahren Sie und wofür nutzen Sie es hauptsächlich?

Ich fahre ein wunderbares Trekkingrad mit dem ich normalerweise jeden Tag zur Arbeit fahre. Seitdem ich mobil, also von zu Hause arbeite nutze ich es für Einkäufe und Ausflüge.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zum Überblicksartikel 'Die Verkehrswende in Deutschland'
Veröffentlicht am 05. März 2021

Matthias

Schon als Kind im flachen Ostfriesland war das Rad das Fortbewegungsmittel Nr. 1.
Mittlerweile hat es ihn ins Rheinland in den Großstadtdschungel Düsseldorf verschlagen, aber auch hier hat sich eines nicht geändert: Das Bike ist immer dabei. Neben den alltäglichen Touren fährt er regelmäßig mit dem Rennrad in den niederrheinischen Weiten.

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