HERR Knie, WIE IST IHRE MEINUNG ZUR VERKEHRSWENDE?

Verkehrswende in Deutschland: Interview mit Andreas Knie

Für unsere Interviewreihe zum Thema Verkehrswende haben wir mit vielen Experten aus den Bereichen Politik, Wissenschaft und Gesellschaft gesprochen. In diesem Interview kommt die Wissenschaft zu Wort. Genauer gesagt haben wir mit Prof. Dr. Andreas Knie gesprochen. Er ist Leiter der Forschungsgruppe "Digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung" am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

Herr Knie, was sind aus Ihrer Sicht die Haupthindernisse, um eine nachhaltige Verkehrswende herbeizuführen?

Dass wir uns, die wir hier alle selbst unterwegs sind, das nicht zutrauen. Zum Beispiel die Forderung, dass man in großen Städten keine privaten Autos bräuchte oder zumindest das Abstellen von privaten Autos auf öffentlichem Grund nicht mehr möglich ist. Das trauen wir uns gar nicht zu formulieren. Weil wir glauben, dass es ein Naturgesetz ist, dass jeder ein Auto vor der Tür hat. Uns stört es dann lieber, dass die E-Tretroller oder die E-Bikes auf den öffentlichen Straßen stehen. Gerade in Köln ist ja alles sehr eng, das stört uns. Und die Autos? Die die stören uns nicht. Wir haben uns an den Stand der automobilen Realitäten so gewöhnt, dass die regulierende Politik und die verantwortlichen politischen Instanzen sich erst recht nicht trauen, etwas Neues zu machen. Man möchte nichts gegen die deutsche Autoindustrie machen, weil das Arbeitsplätze gefährdet. Das heißt, wir haben ein mentales Durchsetzungsproblem seitens der Politik.

Der Anteil des Fahrrads am Verkehrsaufkommen in Deutschland soll steigen. Zurzeit werden in Deutschland rund 11 Prozent aller Wege mit dem Fahrrad erledigt. Länder wie Dänemark (18 Prozent) und die Niederlande (27 Prozent) zeigen, dass hier noch Potenzial nach oben besteht. Welche konkreten Handlungsempfehlungen erachten Sie als sinnvoll?

Das, was die holländischen Städte schon in den 70er Jahren gemacht haben; in den Innenstädten weniger Autos und mehr Fahrräder und Fußgeher. Das machen jetzt die europäischen Metropolen alle nach. Schauen Sie nach Antwerpen, Gent, Brüssel, Paris, Rom und Madrid. Wobei sich ja auch in Düsseldorf [Anm.: Redaktion befindet sich in Düsseldorf] schon ein bisschen was getan hat. Düsseldorf war noch bis vor kurzem eine total auto-fixierte Stadt, jetzt kann man schön am Rhein entlanglaufen. Auch in Deutschland insgesamt passiert etwas. Die Menschen würden aber noch viel mehr akzeptieren. Menschen sind zwar Gewohnheitstiere, sie können ihre Gewohnheiten aber auch ändern. Wir sind eine ausdifferenzierte und raumgreifende Gesellschaft und ich komme selbst aus NRW und ich weiß, dass da ohne Auto eigentlich außerhalb der Kernstädte nichts geht, aber man muss es nicht permanent vor der Tür stehen haben und man braucht es erst recht nicht in der Innenstadt. Da geht mehr und das haben wir gerade in Deutschland, auch in NRW und vor allem in den Ballungszentren, noch nicht erkannt.

Gibt es in Bezug auf das Fahrrad schon Ansätze oder Beispiele in Deutschland, die Sie als besonders zielführend bezeichnen würden?

Ja, es gibt Einzelthemen in Tübingen oder Freiburg. München fängt jetzt an. Hamburg hat einen Senat für Verkehrs- und Mobilitätswende eingerichtet. Wir haben hier in Berlin die schon berühmten Pop-up-Radwege mitten auf die Straße gepinselt. Das ist für Berlin schon echt eine kleine Revolution. Esgibt überall Ansätze. Aber gerade zum Beispiel Berlin: Gleichzeitig bauen wir mitten durch Berlin mit der A 100 eine Autobahn auf der Basis von Plänen des Jahres 1958.

Deshalb hängen wir in der Verkehrsplanung, der Verkehrsrealisierung und der Verkehrspolitik noch in den 50er/60er Jahren. Ich sage immer: „Als wenn wir noch Werner Höfer und das Internationale Frühshoppen in schwarz-weiß gucken würden.“ Wir sind viel zu weit in der Vergangenheit festgehalten.

Welches Fahrrad haben Sie und wofür nutzen Sie es hauptsächlich?

Es gilt für mich das Gebot: Das Eigentum an einem Verkehrsmittel brauchen wir nicht mehr. Denn ich würde selbst ein Fahrrad ja immer nur gelegentlich, vielleicht zehn Minuten oder eine Viertelstunde am Tag brauchen und müsste es überall mit hinschleppen. Ich habe meine Verkehrsforschung in Münster begonnen, mit der Aufgabe, die Zahl der Räder dort zu reduzieren, denn in Münster hat durchschnittlich jeder Münsteraner sieben Fahrräder, das ist dann auch zu viel. Deshalb habe ich ein Leihrad und fahre natürlich immer mit meinem alten Projekt Call-A-Bike durch die Straßen.

Damit danke ich für das Gespräch!

Zum Überblicksartikel 'Die Verkehrswende in Deutschland'
Veröffentlicht am 05. März 2021

Matthias

Schon als Kind im flachen Ostfriesland war das Rad das Fortbewegungsmittel Nr. 1.
Mittlerweile hat es ihn ins Rheinland in den Großstadtdschungel Düsseldorf verschlagen, aber auch hier hat sich eines nicht geändert: Das Bike ist immer dabei. Neben den alltäglichen Touren fährt er regelmäßig mit dem Rennrad in den niederrheinischen Weiten.

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