15.000 Kilometer auf zwei Rädern

Interview mit den Velosophics Lena und Hardy

Nachdem die beiden Velosophics Lena und Hardy jetzt schon seit ein paar Tagen wieder in der Heimat sind und Zeit hatten, sich ein wenig einzuleben, haben wir uns mit den beiden auf ein Mittagessen getroffen, bei dem sich die Gelegenheit ergab, viele Fragen zu stellen und spannende Geschichten zu hören. Auf der insgesamt rund 15.000 Kilometer langen Reise durch Zentral-und Mittelamerika haben die beiden nämlich einiges erlebt und vieles zu erzählen.
VelosophicsLucky Bike: Um mal ganz vorne anzufangen: Wie kamt ihr eigentlich auf die Idee, eine solche Fahrradtour zu machen? Seid ihr fahrradverrückt?

Velosophics: Die Idee ist langsam gewachsen. Wir sind schon immer reisebegeistert und wollten die Welt sehen. Und ja, Hardy ist tatsächlich fahrradverrückt. Irgendwann haben wir einen Diavortrag gesehen von einem Radler, der in den 80er Jahren mit dem Rad von Konstanz nach Kapstadt gefahren ist. Das hat uns die Augen geöffnet, was alles mit dem Rad möglich ist. Hardy hat mich irgendwann mit dem Fahrradvirus infiziert. Also lag es auf der Hand, die beiden Leidenschaften „Reisen“ und „Radfahren“ zu verbinden. Wir haben zwei kleine zweiwöchige Touren einmal durch Rumänien und einmal auf Mallorca gemacht, um zu schauen, ob es uns gefällt. Diese Miniurlaube waren natürlich überhaupt nicht mit der großen Velosophics-Tour vergleichbar…

Lucky Bike: Was hat euer Arbeitgeber zu euren Plänen gesagt? Einfach mal für ein Jahr lang auszusteigen war doch sicher nicht ganz so einfach!?

Velosophics: Hardy hat seinen Job im Vorfeld gekündigt. Mein Arbeitgeber hat mir ein  18-monatiges Sabbatical angeboten, das ich allerdings auch von unterwegs aus gekündigt habe. Aber allgemein denken wir, dass man einfach offen und so früh wie möglich mit seinem Arbeitgeber sprechen sollte, wenn man für längere Zeit aussteigen möchte. Manchmal gibt es doch mehr Möglichkeiten, als man zunächst denkt. Arbeitgeber sehen immer öfter die Vorteile eines Mitarbeiters, der einmal seinen Traum verwirklicht hat, und dadurch gestärkt und motiviert in seinen Beruf zurückkehrt.

Lucky Bike: Wie habt ihr euch auf die Tour vorbereitet? Woher wusstet ihr, was ihr an Material braucht?

Velosophics: Wir haben viel recherchiert und gelesen, mit Leuten geredet, die schon einmal eine größere Tour gefahren sind und haben Messen besucht. Je nach Umfang und Vorhaben ist die Vorbereitung schon viel Arbeit und braucht viel Zeit. Aber man darf sich auch nicht verrennen. Im Endeffekt geht es darum, irgendwann einfach loszufahren und sich nicht totzurecherchieren…

Lucky Bike: Hat sich das Sponsoring als schwierig herausgestellt? Wo lagen eure hauptsächlichen Probleme?

Velosophics: Ja, Sponsoren zu finden war zunächst gar nicht so einfach. Wir haben ein Konzept geschrieben, unseren Blog aufgebaut und uns Gedanken gemacht, was wir unseren Sponsoren bieten können. Aber auf Anrufe und Mails gab es so gut wie keine Reaktionen. Ganz spontan sind wir dann zum Bike Festival nach Willingen gefahren und haben die ausstellenden Unternehmen dort persönlich angesprochen und unser Projekt präsentiert. Das war offensichtlich überzeugend! Nachdem die ersten Sponsoren wie Specialized und GoPro ihren Support zugesagt hatten, ging es dann auf einmal immer einfacher, auch andere zu überzeugen.

Lucky Bike: Habt ihr eure Route bis ins Detail geplant oder euch eher spontan von Land und Leuten beeinflussen lassen?

Velosophics: Nein, ganz und gar nicht und das würden wir auch niemandem raten. Für uns war nur klar, dass wir von Deutschland nach Rumänien zu Hardys Großmutter fahren und dann von Mexiko irgendwie runter nach Buenos Aires kommen wollen. Mit einer durchgeplanten Route nimmt man sich selbst die Freiheit jeden Tag neu zu entscheiden, wie und wo die Reise weitergeht. Außerdem trifft man unterwegs ständig Einheimische und manchmal auch andere Radler, die einem Tipps geben, was man nicht verpassen darf, welche Strecken interessant, gefährlich, langweilig oder auch besonders schön und schwierig sind. Das wollten wir auch jeden Fall immer spontan entscheiden können.

Lucky Bike: Habt ihr die ganze Zeit gezeltet oder wo und wie habt ihr die Nächte verbracht?

Velosophics: Wir haben viel gezeltet, ja. Wild in der Natur oder wir haben die Leute gefragt, ob wir unser Zelt irgendwo an einem sicherem Plätzchen aufstellen dürfen. Oft sind wir auch von den Leuten eingeladen worden. Aber unsere Nachtlager und Unterkunftsmöglichkeiten waren ganz unterschiedlich, auch abhängig von dem jeweiligen Land, in dem wir gerade unterwegs waren. In Zentralamerika und vor allem später in Ecuador sind wir sehr oft bei den „Bomberos“, der Feuerwehr, untergekommen. Aber auch kleine Krankenhäuser, Gemeindehäuser, Kirchen, Schulen und Kindergärten waren immer wieder eine gute Anlaufstelle für uns. Natürlich haben wir auch immer wieder in kleinen Hotels, Pensionen und echt üblen Absteigen übernachtet – in vielen Ländern zahlt man ja nicht mehr als umgerechnet 4-8 Euro (zu zweit) dafür.

Lucky Bike: Sich so offen auf Leute einzulassen und bei jemandem zu übernachten, den man morgens noch nicht einmal kannte – wie lange habt ihr gebraucht, bis sich auch bei euch im Kopf so eine Art Weltenbummler-Haltung eingestellt hat?

Velosophics: Anfangs ist es total überwältigend, von jetzt auf gleich von jemandem eingeladen zu werden, den man gar nicht kennt. Wir wussten gar nicht, wie wir den Menschen jemals dafür danken können. Allgemein haben wir den Respekt vor dem Unbekannten oder vor großen Bergen, die Angst, dass uns etwas zustoßen könnte usw. recht bald abgelegt. Man gewöhnt sich überraschend schnell an alles.

Lucky Bike: Ihr habt natürlich jeden Tag sehr viel erlebt und gesehen, aber gibt es eine absolute Top-Liste von Dingen, bei denen ihr jetzt rückblickend sagt: „Ja, das waren wirklich die absoluten Top-Erlebnisse“?

Velosophics: Ja, das ist schon schwer da auszuwählen. Die zwölf Tage durch die Wüsten- und Vulkanlandschaften auf der so genannten Lagunen- und Wüstenroute in Südwestbolivien waren zusammen mit der Durchquerung der Salzwüste Salar de Uyuni sicherlich die aufregendsten, anstrengendsten und landschaftlich abgefahrensten Tage der ganzen Reise. Aber auch bei Vollmond ganz allein auf dem Hohen Tempel einer Maya Ruine zu sitzen, den Blick über den Dschungel schweifen zu lassen und den monströsen Geräuschen der Brüllaffen zu lauschen, war eine unglaubliche Erfahrung. Zu den abenteuerlichsten Situationen der Reise zählen sicher auch die Tage in einem kleinen Nusschalenbötchen bei der Überquerung des Darien Gap zwischen Panama und Kolumbien.

Lucky Bike: Gibt es so eine Liste auch für negative Erlebnisse?

Velosophics: Nein, es gibt viel mehr positive Erlebnisse. Die negativen Erinnerungen verblassen naturgemäß recht schnell.

Lucky Bike: 16 Monate Reise, fast 15.000 Kilometer Strecke – lässt sich eure Reise noch anders in Zahlen schildern?

Velosophics: Beide Räder zusammen: 9 Speichenbrüche, 37 Platten, 6 Ketten, 5 Paar Reifen…

Lucky Bike: Habt ihr den goldenen Tipp für jemanden, der eine ähnliche Reise plant?

Velosophics: Nicht auf den perfekten Zeitpunkt warten, nicht zu viel organisieren wollen, den Mut haben, sich einfach auf den Weg zu machen.

Lucky Bike: Ihr seid jetzt schon ein paar Tage zurück und habt euch wieder etwas akklimatisiert – wie geht es bei euch jetzt weiter?

Velosophics: Ja, das geht leider viel zu schnell, dass sich alles wieder normal anfühlt. Hier hat sich ja nichts groß verändert. Wie es genau weitergeht, wissen wir noch nicht. Das wird wohl vor allem von den neuen Jobs abhängen, die wir gerade suchen.

Lucky Bike: (Wann) plant ihr die nächste Tour? Oder fahrt ihr jetzt erstmal nur noch mit dem Auto?

Velosophics: Nein, Auto fahren wir nicht. Wir vermissen es schon jetzt zu sehr, jeden Tag auf dem Rad zu verbringen. Wir werden uns auf jeden Fall noch einmal auf den Weg machen und eine größere Tour fahren. Wann?  Ist für uns noch nicht abzusehen. Jetzt möchten wir uns erstmal beruflich weiter entwickeln – das steht für uns gerade an erster Stelle!

Lucky Bike: Vielen Dank euch beiden für das nette Gespräch und alles Gute für die Zukunft!

Lucky Bike / Radlbauer Redaktion

Unsere Lucky Bike / Radlbauer Redaktion ist so vielfältig, wie unsere gesamte Unternehmensfamilie. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen Bereichen berichten über ihre Lieblingsthemen, schreiben News, berichten von Veranstaltung oder testen regelmäßig Fahrräder, die wir in unseren Filiale oder im Online Shop anbieten. in der Redaktion sind unsere Kolleginnen und Kollegen versammelt, die vereinzelt Testberichte, Newsbeiträge oder informative Texte rund um das Thema Fahrrad schreiben. Die Testberichte unserer Redaktion spiegeln ihre Erfahrungen, Ergebnisse und Meinungen objektiv hier bei uns im Blog.