Avinox und Gobao zeigen, warum Motor und Schaltung zusammenwachsen könnten
Ein Getriebemotor unterstützt nicht nur, sondern übernimmt auch die Übersetzung. Auf Wunsch geht das sogar stufenlos und automatisch. Die Antriebssysteme von Avinox und Gobao verbinden Motor, Getriebe, Elektronik und automatische Schaltlogik deutlich enger miteinander als klassische E-Bike-Antriebe. Besonders spannend ist dabei das Prinzip E-CVT – eine elektronisch gesteuerte, stufenlose Übersetzung. E-CVT steht für Electronic Continuously Variable Transmission.
Was ist ein Getriebemotor beim E-Bike?
Ein Getriebemotor kombiniert den E-Bike-Motor mit einer integrierten Schaltung. Die Übersetzung sitzt also nicht mehr am Hinterrad, sondern direkt im Bereich des Motors. Bei einem klassischen E-Bike-Antrieb sieht das anders aus: Der Mittelmotor treibt über Kette oder Riemen das Hinterrad an. Welche Übersetzung gefahren wird, entscheidet die externe Schaltung. Beim sportlichen E-MTB ist das meist eine Kettenschaltung mit mehreren Ritzeln am Hinterrad. Beim City– oder Trekking-E-Bike kann es auch eine Nabenschaltung sein.
Ein Getriebemotor verlagert diesen Teil in die Antriebseinheit, weshalb das E-Bike dann keine mehrstufige Kassette und kein empfindliches Schaltwerk mehr benötigt. Stattdessen läuft hinten eine einfachere Ketten- oder Riemenlinie. Das kann das Rad robuster, wartungsärmer und optisch aufgeräumter machen.
Was bedeutet E-CVT?
Besonders interessant sind die neuen Systeme der chinesischen Anbieter Avinox und Gobao, weil sie nicht einfach nur feste Gänge in den Motor integrieren. Sie setzen auf eine stufenlose Übersetzung. E-CVT steht für „Electronic Continuously Variable Transmission“, also eine elektronisch gesteuerte, kontinuierlich variable Übersetzung. Das bedeutet: Es gibt nicht zwingend feste Gänge wie 1, 2, 3 oder 12. Das System kann die Übersetzung laufend anpassen, je nachdem, wie schnell man fährt, wie stark man tritt, wie steil es wird oder welche Trittfrequenz man bevorzugt.
Gobao kommunizierte auf der Eurobike 2026 drei mögliche Fahrmodi: Zum einen eine Vollautomatik, die über eine künstliche Intelligenz zum Beispiel das Gelände und die Trittfrequenz berücksichtigt. Zum anderen einen Automatikmodus, der rein kadenzbasiert (Kadenz wird zuvor eingestellt) arbeitet und drittens einen manuellen Modus mit zwölf virtuellen Gängen.
Der Unterschied zu heutigen E-Bike-Motoren – zum Beispiel Bosch eBike Systems
Bosch eBike Systems steht aktuell für besonders ausgereifte und weit verbreitete E-Bike-Antriebe. Motoren wie die Performance Line CX oder CX-R sind kraftvoll, fein abgestimmt und über das Bosch Smart System eng mit Akku, Display, App und Fahrmodi vernetzt. Sie erkennen Fahrzustände, passen die Unterstützung dynamisch an und lassen sich je nach Modell und Herstellerfreigabe über die eBike Flow App individualisieren.
Der entscheidende Unterschied: Bei Bosch bleibt die Schaltung in der Regel ein separates System. Der Motor unterstützt, die externe Schaltung übersetzt. Bosch kann zwar mit elektronischen Schaltlösungen zusammenarbeiten und den Schaltvorgang intelligenter machen, aber Motor und Getriebe sind nicht in einer einzigen mechanischen Einheit, also einem Gehäuse verschmolzen.
Getriebemotoren gehen einen Schritt weiter. Sie wollen nicht nur die Unterstützung smarter machen, sondern den kompletten Antriebsstrang neu denken. Der Motor weiß nicht nur, wie stark er unterstützen soll, sondern auch, welche Übersetzung gerade sinnvoll ist.
Klassischer Mittelmotor (Bosch eBike System) vs Getriebemotor (Avinox, Gobao)
| E-Bike Antriebskonzept | Klassischer Mittelmotor (z. B. Bosch Performance Line CX) | Neuer Getriebemotor mit E-CVT |
|---|---|---|
| Systemaufbau | Motor und Schaltung sind getrennte Systeme | Motor und Schaltung sitzen in einer Einheit |
| Übersetzung | Kassette, Schaltwerk oder Nabenschaltung übernehmen die Übersetzung | Die Übersetzung wird im Motor-Getriebe-System geregelt |
| Schaltverhalten | Schalten erfolgt in festen Gängen | Übersetzung kann stufenlos oder über virtuelle Gänge laufen |
| Technologie & Service | Bewährte Technik mit großer Service- und Händlerstruktur | Neue Technologie mit großem Potenzial, aber noch offenen Langzeiterfahrungen |
| Marktverfügbarkeit | Sehr breite Modellvielfalt am Markt | Zunächst vor allem bei hochwertigen E-MTBs und Konzeptbikes zu erwarten |
Welche Vorteile könnten Getriebemotoren bringen?
Der größte Vorteil liegt sicher in der Vereinfachung des Antriebsstrangs. Wenn Schaltwerk, Kassette und mehrere Ritzel entfallen, gibt es am Hinterrad weniger empfindliche Bauteile. Gerade beim E-MTB, Cargo-Bike oder Alltagsrad kann das nützlich sein. Weniger außenliegende Schalttechnik bedeutet weniger Risiko durch Schläge, Dreck, Verschleiß oder falsche Schaltvorgänge unter Last.
Auch das Schalten selbst kann komfortabler werden. Ein E-CVT-System kann unter Last, im Stand oder automatisch die passende Übersetzung wählen. Das kann praktisch sein beim Anfahren am Berg, an der Ampel oder mit viel Gepäck.
Dazu kommt die gleichmäßige Trittfrequenz. Es gibt E-Bike-Fahrerinnen und -Fahrer, die nicht dauernd schalten möchten, sondern einfach angenehm pedalieren wollen. Ein stufenloses System kann dafür sorgen, dass sich das Treten gleichmäßiger anfühlt. Dabei ist es egal ob es gerade bergauf, bergab oder durch die Stadt geht.
Avinox MG Concept: Motor, Schaltung und Software als Ökosystem
Avinox hat auf der Eurobike 2026 das MG Concept vorgestellt. MG steht hier sinngemäß für Motor Gearbox – also einen Motor mit integrierter Getriebelösung. Wie gesagt handelt es sich dabei aktuell noch um ein Konzept und nicht um einen breit verfügbaren Serienantrieb.
Spannend ist der Konzeptansatz trotzdem. Avinox spricht von sehr schnellen, sanften Schaltvorgängen, automatischen und manuellen Schaltmodi sowie einer Integration, bei der eine einfache Kette oder ein Riemen statt klassischer Mehrfach-Kassette möglich wird. In den Messeinformationen war von einer stufenlosen Übersetzung und einer Bandbreite von über 500 Prozent die Rede.
Der große Vorteil von Avinox ist das bereits vorhandene Ökosystem. Die Marke hat in kurzer Zeit gezeigt, dass sie nicht nur Motoren baut, sondern das gesamte System aus Akku, App, Display, Software und Fahrgefühl in den Blick nimmt. Genau das ist bei Getriebemotoren besonders wichtig. Denn bei E-CVT entscheidet nicht nur die Mechanik, sondern vor allem die Software darüber, ob sich das Rad natürlich, direkt und angenehm fährt.
Interessant ist auch, dass Avinox Funktionen wie automatische Schaltlogik, Anti-Diebstahl-Funktionen und perspektivisch sogar Rekuperations- bzw. Ladefunktionen im Blick hat. Ob und wie stark solche Funktionen in Serienbikes nutzbar sein werden, bleibt abzuwarten. Klar ist aber: Avinox denkt den Antrieb nicht als einzelnes Bauteil, sondern als vernetztes System.
Gobao X1 und X1P: Konkrete Leistungsdaten und Schnellladen
Gobao wurde auf der Eurobike 2026 ebenfalls viel beachtet. Der Hersteller zeigte mit dem X1 und dem X1P neue Getriebemotoren mit integriertem E-CVT. Im Vergleich zu Avinox wirken die Gobao-Konzepte bereits konkreter und seriennäher.
Der Gobao X1 soll im Bereich von bis zu 120 Nm Drehmoment, 1.200 Watt Spitzenleistung und rund 400 Prozent Übersetzungsbandbreite liegen. Der stärkere Gobao X1P wird mit bis zu 150 Nm Drehmoment, 1.500 Watt Spitzenleistung und etwa 500 Prozent Übersetzungsbandbreite genannt. Beide Einheiten sollen etwa 3,85 kg wiegen. Damit sind sie schwerer als viele klassische Mittelmotoren allein, relativieren das Mehrgewicht aber teilweise dadurch, dass externe Schaltkomponenten entfallen.
Besonders spannend sind wie schon oben erwähnt die drei Fahrmodi. Im vollautomatischen Modus soll das System Gelände, Trittfrequenz und Fahrsituation berücksichtigen. Im kadenzbasierten Automatikmodus kann man eine bevorzugte Trittfrequenz einstellen. Wer klassisch fahren möchte, nutzt den manuellen Modus mit bis zu 12 virtuellen Gängen.
Auch beim Thema Akku und Laden setzt Gobao ein Ausrufezeichen. Geplant sind schlanke Akkus mit 500, 750 und 900 Wh sowie extrem schnelles Laden dieser Akkus.
Wann werden Getriebemotoren an E-Bikes serienreif?
Auch wenn Getriebemotoren aktuell zu den spannendsten Entwicklungen im E-Bike-Bereich gehören, sind sie noch nicht flächendeckend serienreif. Tatsache ist: Die ersten Modelle werden frühestens 2027 erwartet, und die auf der diesjährigen Eurobike gezeigten Bikes waren überwiegend noch Konzepte oder Vorserienlösungen.
Gobao wirkt mit seinen angekündigten X1- und X1P-Antrieben bereits relativ nah an der Serie, da der Hersteller schon konkrete Leistungsdaten, Fahrmodi und Akkuoptionen nennt. Avinox zeigt mit dem MG Concept dagegen vor allem, wohin die Entwicklung gehen könnte: ein Mittelmotor mit integrierter, stufenloser Schaltung und smarter Softwaresteuerung. Bis Getriebemotoren in größerer Stückzahl in Serien-E-Bikes zu finden sind, dürfte es also noch etwas dauern. Ab 2027 könnten erste Modelle auf den Markt kommen, der breite Durchbruch wird aber vermutlich erst folgen, wenn Alltagstauglichkeit, Service, Gewicht, Preis und Langzeitzuverlässigkeit bewiesen sind.
Ersetzt der Getriebemotor bald Bosch eBike Motoren?
Kurzfristig eher nicht. So spannend die neue Technik ist: Bosch eBike Systems und andere etablierte Anbieter haben über Jahre bewiesen, dass ihre Systeme zuverlässig funktionieren und in vielen Radkategorien eingesetzt werden können. Gerade Bosch punktet mit einem großen Händlernetz, starker Ersatzteilversorgung, ausgereifter Software und einer enorm breiten Auswahl an E-Bikes.
Getriebemotoren stehen dagegen noch am Anfang. Viele Fragen sind offen: Wie effizient sind die Systeme im echten Alltag? Wie hoch sind Preis und Servicekosten? Wie langlebig sind die integrierten Getriebe? Und wie gut funktioniert die Automatik nicht nur auf der Messe, sondern nach tausenden Kilometern im Regen, Matsch, Stadtverkehr oder Gebirge?
Deshalb ist der Getriebemotor nicht automatisch „besser“ als ein klassischer Mittelmotor. Er ist vor allem anders – und möglicherweise der nächste große Entwicklungsschritt für bestimmte E-Bike-Kategorien. Während bewährte Systeme wie Bosch eBike Systems also weiterhin die sichere und breit verfügbare Wahl bleiben, zeigen Avinox und Gobao schon heute, wie der E-Bike-Antrieb der nächsten Generation aussehen könnte.
Fazit: Der E-Bike-Antrieb wird intelligenter
Getriebemotoren zeigen, wohin sich E-Bikes entwickeln könnten: weg vom reinen „Motor plus Schaltung“-Prinzip, hin zu einem integrierten Antriebssystem. Motor, Getriebe, Akku, Sensorik und Software arbeiten dann noch enger zusammen.
Avinox und Gobao treiben diesen Trend aktuell besonders sichtbar voran. Gobao überzeugt mit konkreten Leistungsdaten, E-CVT, virtuellen Gängen und Schnelllade-Technik. Avinox punktet mit einem starken Systemgedanken, viel Software-Kompetenz und einem spannenden MG Concept, das zeigt, wie E-Bike-Antriebe künftig aussehen könnten.