Interview zum Radentscheid München: Mehr Platz für Radler

 

Porträt Andeas Schuster Green City Radentscheid München
Andreas Schuster (Green City) – Radentscheid München

Als Mobilitätsexperte des Umweltvereins Green City kämpft Andreas Schuster für eine bessere Fahrradinfrastruktur in der Stadt. Momentan hat er alle Hände voll zu tun, den großen Radentscheid für München zu organisieren, der von Radlbauer unterstützt wird. Außerdem können Sie ab sofort in allen Münchener Radlbauer-Filialen für den Radentscheid unterschreiben.

Wir haben den Organisator der Initiative im Interview

 

München warb lange damit, die Radlhauptstadt Deutschlands zu sein – ein Anspruch, den die Stadt nie erfüllen konnte und von dem sie sich jetzt offiziell verabschiedet hat. Wie ist es dazu gekommen?

2010 war ich einer der Geburtshelfer der Radlhauptstadt. Wir wollten zeigen, dass München beim Ausbau des Radverkehrs ganz vorne dabei sein kann. In unserer Kampagne haben wir nie behauptet, dass München Radlhauptstadt ist, sondern dass es das werden will. Doch die Stadt hat nicht genug getan. Täglich ärgern sich Münchner Radler über Radwege, die im Nichts enden oder nur handtuchbreit sind, oft erleben sie gefährliche Abbiegesituationen mit Lkws. In München radeln die Leute trotz der Infrastruktur, und nicht wegen ihr. Statt das zu ändern, hat die Stadt den Anspruch, Radlhauptstadt zu werden, einfach fallengelassen.

Radlbauer unterstützt den Radentscheid München - Unterschriftensammlung ab sofort in allen Radlbauerfilialen

Wie bewerten Sie die Fahrradinfrastruktur von München im Vergleich zu anderen Großstädten in Deutschland?
Oft sind Menschen aus anderen Großstädten erstaunt darüber, wie viele Radwege wir haben. Mittlerweile holen andere Metropolen auf. In Hamburg oder Berlin wird das Thema Radverkehr sowohl von der Zivilgesellschaft als auch von Politik und Verwaltung stärker vorangetrieben. In Hamburg gibt es eine Radverkehrsbeauftragte, die direkt auf die anderen Referate zugreifen kann. In München hingegen muss sich der Radverkehrsbeauftragte durch sämtliche Hierarchien der Referate kämpfen, bis er etwas erreicht.

Als Vorbilder werden oft Amsterdam und Kopenhagen genannt. Was sollte sich München von diesen Städten abschauen?

Was in München fehlt, ist der Mut, den diese Städte zeigen, wenn sie dem Fahrrad mehr Raum geben. In Kopenhagen haben sie ausgerechnet, welche Kosten der Gesellschaft durch einen mit dem Auto zurückgelegten Kilometer entstehen. Im Vergleich dazu hat das Fahrrad sogar eine positive Bilanz. Die logische Konsequenz: Kopenhagen nimmt Raum, der bisher den Autos gehörte, und baut darauf mehr und breitere Radwege. München hingegen steht im Dauerstau, mit keinem Verkehrsmittel kommt man gut voran. Dabei sind die meisten Wege kürzer als fünf Kilometer und die Stadt ist relativ flach – perfekt für das Rad. Jetzt braucht die Politik den Mut, den nächsten Schritt zu gehen. Und der heißt: Platzumverteilung.

Wo sollten die neuen Radwege verlaufen? Auf der Straße oder von den Autos abgetrennt?

Lange haben Rad-Aktivisten gefordert, dass Radwege auf die Straße gehören und Autos und Radler dort miteinander zurechtkommen sollen. In den letzten Jahren ist es da zu einer Kehrtwende gekommen: Wir wollen die ganze Gesellschaft aufs Rad bringen, nicht nur die Mutigen. Das geht nur, wenn man Sicherheit vermittelt – auf vom Autoverkehr getrennten Radwegen.

Wie ist die Idee, einen Radentscheid in München anzuschieben, entstanden?

Das Vorbild ist Berlin mit dem Volksentscheid Fahrrad. Nun ist Berlin ein Bundesland und kann eigene Gesetze schreiben. Trotzdem hat das in Deutschland zu einer Welle von Radentscheiden geführt. Hier in München haben sich dazu Grüne, ödp, Linke, ADFC, Bund Naturschutz und Green City zusammengetan.

Was sind die Forderungen? Was will das Bündnis erreichen?

Wir wollen auf guten Wegen fahren, nicht ständig über Huckel oder den Bordstein rauf und runter. Wir wollen lückenlos durch München kommen. Was nützt der beste Radweg, wenn der einfach irgendwo endet? Wir wollen, dass Gefahrenstellen wie Kreuzungen, Einmündungen, Ein- und Ausfahrten sicher für Radler werden. Und wir wollen unsere Fahrräder sicher abstellen können.

Aber warum präsentieren Sie Ihre Forderungen ausgerechnet mit einem Dackel?

Der Dackel gehört schon lange zu München – nicht erst seit der Olympiade 1972. Wir wollen das Thema Radfahren in München mit einem neuen, ganz eigenen Sinnbild aufladen. Dem Dackel wird nachgesagt, dass er einen Löwen sieht, wenn er in den Spiegel schaut. Dackel sind eigenwillig und haben einen starken Willen. So wie wir: Wir wollen, dass es vorangeht in München. Wenn es sein muss, können wir auch ungemütlich und zum Wadlbeißer werden. Aber wir hoffen, dass wir mit dem Charme und der Intelligenz des Dackels ans Ziel kommen.

Wie läuft der Entscheid ab? Wo kann man unterschreiben?

Unterschreiben müssen drei Prozent der Wahlberechtigten. Wir brauchen rund 35.000 Unterschriften, besser sind 40.000. Die Unterschriftenlisten liegen an vielen Stellen in der Stadt aus, auf jeden Fall auch in den Münchner Radlbauer-Filialen.

Und wie geht es weiter, wenn genügend Unterschriften zusammenkommen?

Wenn wir genügend Unterschriften gesammelt haben, reichen wir diese bei der Stadt ein und sie werden geprüft. Kommt die Stadt zu dem Ergebnis, dass alles juristisch valide ist, muss innerhalb von drei Monaten ein Bürgerentscheid einberufen werden. Gewählt würde voraussichtlich im Herbst 2019. Wenn dann die einfache Mehrheit der der Wähler mit Ja stimmen, haben wir gewonnen. Die Stadt könnte die Forderungen aber auch ohne Entscheid einfach anerkennen und sagen „Ja, machen wir“. Oder sie lehnt den Entscheid komplett ab, weil sie die Forderungen für juristisch anfechtbar hält. In diesem Fall würden wir klagen und uns vor Gericht wiedersehen. Dazu kommt es hoffentlich nicht, schließlich haben wir uns bei der Formulierung der Forderungen juristisch beraten lassen

Großer Auftakt des Entscheids ist die Sternfahrt am 7. April. Was bedeutet es, so eine Großveranstaltung für Tausende von Radlern zu organisieren?

Diese Mammutaufgabe übernimmt der ADFC. 2018 waren 5.000 Teilnehmer dabei, in diesem Jahr werden es hoffentlich noch mehr. Die Vorbereitungen solcher Großveranstaltungen beginnen in der Regel mit bis zu einem Jahr Vorlauf. Termin und Ablauf müssen mit der Polizei, dem Kreisverwaltungsreferat auch MVG koordiniert werden. Für die Abschlussveranstaltung muss ein Ort gefunden werden, an dem sich tausende Fahrradfahrer treffen können. Den haben wir mit dem Königsplatz gefunden. Auf dem Platz und den Routen dorthin werden uns hunderter ehrenamtlicher Helfer unterstützen. Und schließlich muss ein attraktives Rahmenprogramm organisiert werden. Unter anderem treten Wellbappn und die Unterbiberger Hofmusik auf.

Zum Schluss noch zwei Fragen an Sie als Radfahrer: Was ist für Sie die schlimmste Fahrradstrecke in München? Und Ihre Lieblingsstrecke durch die Stadt?

Die Leopold- und die Ludwigstraße mit den vielen Einmündungen, den Geschäften und den parkenden Autos machen überhaupt keinen Spaß. Skandalös finde ich, dass es keinen vernünftigen Radweg vom Hauptbahnhof zum Marienplatz gibt. Toll sind die Radwege entlang der Isar, auf denen man gemütlich und entspannt radeln kann. So sollte es eigentlich überall in der Stadt sein – und dafür kämpfen wir.

Lucky Bike / Radlbauer Redaktion

Unsere Lucky Bike / Radlbauer Redaktion ist so vielfältig, wie unsere gesamte Unternehmensfamilie. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen Bereichen berichten über ihre Lieblingsthemen, schreiben News, berichten von Veranstaltungen oder testen regelmäßig Fahrräder, die wir in unseren Filialen oder im Online Shop anbieten. In der Redaktion sind unsere Kolleginnen und Kollegen versammelt, die vereinzelt Testberichte, Newsbeiträge oder informative Texte rund um das Thema Fahrrad schreiben. Die Testberichte unserer Redaktion spiegeln ihre Erfahrungen, Ergebnisse und Meinungen objektiv hier bei uns im Blog wider.